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Die Revolution ist nicht am Ende!

Auf den Tag genau vor drei Jahren begann in Syrien, was heute oft als Bürgerkrieg zwischen Extremisten angesehen wird. Dieser Relativismus verkennt die ursprünglichen Ziele – und den Verlauf der Ereignisse

Zur Beschreibung der Ereignisse in Syrien verwenden viele Berichterstatter heute den Begriff »Bürgerkrieg«. Und das Augenmerk vieler Medien liegt auf dem Verhalten der Extremisten, insbesondere der Dschihadisten in dem Konflikt.

Dies hinterlässt einen Eindruck beim deutschen Publikum: Auf Seiten der Opposition gegen Assad kämpfen angeblich so viele Extremisten, dass beide Parteien als gleichermaßen zu betrachten sind. Da liegt der Schluss nahe, dass man sich nicht einmischen sollte – sie sollen ihren Konflikt unter sich ausmachen.

Aber was geht dort eigentlich vor? Handelt es sich wirklich um einen Bürgerkrieg oder um eine Revolution, ähnlich wie in den anderen Staaten des Arabischen Frühlings, wo sich die Menschen nach Freiheit und Demokratie sehnten?

Schaut man sich die aktuelle Situation in Syrien an, ist die These vom Bürgerkrieg nicht von der Hand zu weisen. In der Berichterstattung über kriegerische Handlungen gerät allerdings in Vergessenheit, dass es zu Anfang des Aufstandes in Syrien vor drei Jahren um etwas anderes ging: auch das syrische Volk demonstrierte friedlich für Reformen und Demokratie gegen das seit fast 50 Jahren herrschende diktatorische Regime. Diese friedlichen Demonstrationen dauerten etwa sechs Monate an, trotz der massiven Gewaltmaßnahmen des Regimes und dem Tod vieler Zivilisten.

Bei den Rebellen gibt es Extremisten, aber das Regime ist systematisch extremistisch

Die Situation hat sich dann allmählich zu einem bewaffneten Widerstand entwickelt: zwischen einer gut bewaffneten Streitmacht mit staatlichen Ressourcen auf der einen Seite und verschiedenen organisierten Volksgruppen, die in allen Teilen des Landes zerstreut sind und nicht zuletzt mit Gewalt daran gehindert wurden, das zu bilden, was man ihnen heute als großes Manko vorhält: Einheit. Sie griffen zu den Waffen, um sich selbst zu verteidigen, weil sie nicht wie Fanatiker den Tod suchten, sondern am Leben bleiben wollten.

Diese Gruppen besaßen zu Beginn nur leichte Handwaffen. Im Laufe der Zeit konnten sie sich mit erbeutetem, schwerem Gerät hauptsächlich aus den Depots der Streitkräfte bestücken. Aber bis heute kann dieser Krieg nicht als einer zwischen zwei gleichermaßen bewaffneten Parteien betrachtet werden. Dies ist ein ungleicher Krieg zwischen einem diktatorischen Regime – unterstützt von einer gesellschaftlichen Minderheit im Land, die ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen darin gewahrt sieht.

Wenn wir der Frage des Extremismus bei diesem Konflikt nachgehen wollen, kann man sagen: Extremisten gibt es auf beiden Seiten. Jedoch finden sich bei der Opposition, wie bei allen Widerständen einzelne wenige Gruppierungen, die sich extremistisch zeigen.  Ihnen gegenüber steht aber eine Staatsmacht, die aus Prinzip extremistisch handelt und terroristische Methoden systematisch anwendet – und zwar mit Unterstützung anderer staatlicher Verbündeter.

Der Extremismus auf Seiten der Opposition kann dem entgegen nicht als organisiert, als flächendeckend oder systematisch angesehen werden.Es sind einzelne Gruppierungen innerhalb des Widerstands, die sich extremistisch benehmen. Ihre Handlungen und Ideologie verabscheut die breite Mehrheit der syrischen Gesellschaft.

Ist die syrische Revolution, wie man oft in deutschen Medien hört, am Ende und einem Bürgerkrieg gewichen?

Revolutionen und Kriege hängen zusammen

Wer den Verlauf und die Zusammenhänge zwischen Revolutionen und Kriegen in den letzten 200 Jahren untersucht, erkennt gewissen Muster und Wechselbeziehungen: aus Kriegen und Revolutionen, Interventionen und Befreiungskriegen: etwa die amerikanische Revolution, die mit einem Aufstand gegen die britische Krone begann.

Möglich ist auch, dass sich Revolutionen Kriege außerhalb des Landes nach sich ziehen, wie im Falle der Französischen Revolution und der napoleonischen Feldzüge. In anderen Fällen führen Niederlagen in einem Krieg zu einer nationalen Revolution, wie sie sich in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg ereignete und zum Niedergang des Kaiserreichs und der Entstehung einer Republik führte.

Im Allgemeinen scheint es schwer vorstellbar, dass große Revolutionen ohne Kriege und Gewalt verlaufen. Die Revolutionen der osteuropäischen Völker in den letzten Jahrzehnten waren in ihren friedlichen Verläufen und ihrem abrupten Ende eher Ausnahmen. Im Endeffekt konnten diese Revolutionen ihre gewünschten Ziele jedoch nicht erreichen: Die Forderungen nach grundlegenden Reformen, die diesen Revolutionen zugrunde lagen, zogen langsame bürokratische Reformen nach sich und büßten ihren Ruhm und Glanz ein.

2011 etwa in Ägypten fegte die Revolution den Präsidenten aus dem Amt, während die tieferen Strukturen des Systems aber erhalten blieben und dadurch die tatsächlich gewünschte Strukturänderungen im Staatsgefüge ausblieb.

Der Krieg brachte auch rückschrittliche Forderungen, die es zu Beginn der Revolution nicht gab

Das gleiche gilt auch für das Geschehen, was wir heutzutage in Ukraine beobachten.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen Revolutionen und Bürgerkriegen mag in der Motivation liegen: die Revolution verlangt nach grundlegenden Änderungen im Land, was als Quell ihrer Dynamik und Leidenschaft gelten kann.

Die Revolution in Syrien zielte auf eine Erneuerung der Herrschaftsordnung und der sozialen Landschaft und war nicht gegen eine ethnische Gruppe oder eine bestimmte Konfession oder Schicht gerichtet. Im Gegenteil: Die Parolen der Revolutionäre der ersten Stunde basierten auf den Werten des Bürgertums und der nationalen Einheit der Volksgruppen. Der Wandel der Proteste hin zu einem bewaffneten Kampf brachte aber rückschrittliche Parolen und Forderungen. Diese dienten nun dazu, die Menschen zum Krieg zu mobilisieren. Aber Hass zwischen Konfessionen war nicht die Motivation, sich gegen Assad zu erheben.

Trotz andauernder Gewalt, Zerstörung und Terror müssen die Menschen in Syrien ihr Leben meistern. Und die Flamme der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf die Erfüllung ihrer Forderungen und Träume aus den ersten Tagen der Revolution brennt weiter. Auch wenn die Rufe nach Freiheit und Demokratie im alltäglichen Leben der Massen nicht so laut sein mögen wie die nach Sicherheit und Nahrung.

Die Hoffnung darauf aus den Zwängen der Unterdrückung und des Terrors befreit zu werden, motiviert die Zivilisten dazu weiter auszuharren und bestärkt die Rebellen dazu weiter zu kämpfen. Die negativen Begleiterscheinungen, die diese heroischen Ziele mit sich bringenm sind leider auch charakteristisch für Revolutionen wie wir sie aus der Geschichte kennen. Trotzdem sollten sie nicht ein falsches Licht auf die eigentlichen Beweggründe dieser Revolution werfen. Oberstes Ziel muss bleiben, das syrische Volk aus den Zwängen der Diktatur zu befreien.

Das kann nicht allein durch republikanische Proklamationen gelingen, sondern durch Ereignisse, die eben schmerzhaft sind. Womöglich bedarf es dazu sogar der Zeitspanne von zwei Generationen. Neue Machtverhältnisse, Gerechtigkeit und ein Gleichgewichten in der Gesellschaft erfordern parallel einen Wandel der Denkweise und des Lebensstils der Menschen. Das ist die eigentliche Herausforderung für diese nächsten Generationen. In Syrien und in der gesamten arabischen Welt.


Der Artikel wurde am 17.03.2014 auf Zenith-Online unter dem folgenden Link veröffentlicht: Click Here