Faust der Versöhnung

Lokale Waffenruhen um Damaskus lindern das Leid der Menschen. Aber sie sind vor allem ein Mittel des Regimes, den Aufstand zu ersticken. Ebenso trügerisch wie effizient

 

 

Caption: Die Opposition muss ihre Prioritäten überdenken. Der dezentrale Charakter der Revolution war anfangs günstig. Heute spielt er Assad in die Hände

Täglich sterben in Aleppo Menschen durch die Bomben der syrischen Luftwaffe. Aber während die Welt ratlos auf diese entfesselte Brutalität schaut, arbeitet das Regime in aller Ruhe an seiner Strategie der »Nationalen Versöhnung«. Was gut klingt, ist in Wirklichkeit nur ein weiteres, perfides und erpresserisches Instrument. Es scheint derzeit sogar effizienter als die Operationen von Geheimdiensten und Armee.

Ein Exempel hierfür ist Muadamiya südwestlich von Damaskus. Den Regimetruppen war es auch nach Monaten nicht gelungen, den Aufstand zu brechen. Eliteeinheiten wie die Republikanischen Garden oder die sogenannten Vierte Division scheiterten. Und das, obwohl Muadamiyas Topografie es erlaubt die Stadt von drei Seiten zu belagern und aus den naheliegen Bergen zu beschießen.

Aber menschliche Existenzbedürfnisse sind manchmal zermürbender als Unterdrückung und Mord. Die Einwohner Muadamiyas aßen aus Verzweiflung Katzen, Hunde oder Gras, um zu überleben. Zwischen August und November 2013 starben sechs Kinder, drei Frauen sowie zwei ältere Männer den Hungertod. Die Streitkräfte blockierten Hilfslieferungen und erhöhten so den Druck. Man kommunizierte über Unterhändler, damit die Stadt eine Waffenruhe unterzeichnete und »in den Schoß der Heimat« zurückkehrt, wie der zuständige Regierungsvertreter es nannte.

Ein Checkpoint wurde installiert, den Mitglieder der Freien Syrischen Armee sowie der Regierungstruppen gemeinsam kontrollieren sollen. Öffentliche Dienstleistungen sollten wieder beginnen. Der Gouverneur der Damaskus-Vororte kam zu Besuch – vor den Kameras des Staatsfernsehens.

Kaum war das Abkommen verhandelt, entschieden sich 20.000 Flüchtlinge zurück zu den 8.000 Verbliebenen zu kehren – eine gewaltige logistische Herausforderung. Die Rückkehrer – und das schien vom Regime kalkuliert – würden die humanitären Katastrophe verschlimmern, sollte es wieder zu Kämpfen und Belagerung kommen.

Muadamiya ist fast vollständig zerstört. Alles dreht sich dort um Bedarfssicherung. Die Kämpfer der FSA müssen nun die kommunalen Dienstleistungen besorgen – oder bleiben tatenlos und isoliert. Manche Bürger machen sie gar für die missliche Lage verantwortlich. Muadamiya hat erlebt, wozu das Regime fähig ist, und wird sich vorerst nicht mehr erheben.

Anderen Städten wie Barza, Babila und Mukhayam, erging es ähnlich. In anderen Städten, Vororten sowie Bezirken von Damaskus wird derzeit verhandelt. Daraya lehnte dies ab und wurde mit Fassbomben bestraft –als pädagogische Maßnahme und Exempel für die anderen. Das Regime will mit den Abkommen der Welt beweisen, dass es die Kontrolle über bereits verlorene Städte zurückerlangen und mit dem Wiederaufbau beginnen kann.

Die Waffenruhe ist aber ein strategisch-militärisches Mittel. So soll die militärische Schlagkraft der Opposition zerlegt werden. Bewaffnete Einheiten werden isoliert oder gebunden, denn sie müssen sich um tausende Rückkehrer kümmern. Wenn die Einwohner in den Genuss von ein wenig Sicherheit und Stabilität kommen, werden sie sich vielleicht gegen die FSA stellen, um sich und ihre Kinder vor Bomben und den Qualen des Hungers und der Belagerung zu retten. Womöglich kann das Regime sogar unter den Armen und Hilflosen noch rekrutieren.

Die positive Haltung der Bevölkerung zu den Rebellen ist beschädigt. Zumal die gespaltene Opposition im Exil diesbezüglich ebenfalls keinen nennenswerten Erfolg aufweisen konnte.

Die Revolution begann örtlich begrenzt auf einzelne Straßenzüge und Dörfer, ohne einer einheitlichen politischen Entscheidung zu folgen. Diese Tatsache trug zwar dazu bei, dass sie sich wie ein Lauffeuer verbreitete. Jedoch leidet die Verwaltung immens an der mangelnden Vernetzung der jeweiligen Regionen. Dieser dezentrale Charakter stellt mittlerweile einen Vorteil für das Regime dar, denn es kan diese Gebiete separat in die Mangel zu nehmen. Die Politik der Waffenruhe veranschaulicht das.

Nun muss Opposition ihre Prioritäten überdenken. Sie müssen sich in erster Linie für den Zugang zu humanitärer Hilfe einsetzen. Deren Vernachlässigung führte letztendlich zu einem Zusammenbruch der Opposition in und um Damaskus.

Die Erfahrung mit der Waffenruhe – etwa in Homs – stimmt wenig optimistisch. Das Regime weiß, dass dies nur temporär sein kann, und versucht währenddessen die völlige militärische Kontrolle zu erlangen. Truppen kontrollieren Ein- und Ausgänge der Städte und erlauben nur einen begrenzten Zugang zu Hilfslieferungen. Nichts wird das Regime davon abhalten, die ehemaligen Kämpfer zur geeigneten Zeit zu bestrafen, auch wenn sie ihre Waffen abgegeben haben. Insbesondere, da es keine Sicherheitsgarantien von einer dritten, vermittelnden Seite gibt, die einen Fortbestand der Waffenruhe durch die Regime-Truppen einschließen.

 


Dieser Artikel wurde in der Printausgabe der Zenith- Zeitschrift (2/14) veröffentlicht.

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Übersetzt von Saad eddine Fidaoui